Baustandards in der Schweiz: Von historischer Typologie zu ganzheitlicher Nachhaltigkeit

Die Entwicklung des Schweizer Einfamilienhauses

Die Architektur der Schweizer Einfamilienhäuser bewegt sich seit jeher im Spannungsfeld zwischen Individualismus und dem finanziell Machbaren. Anders als herrschaftliche Villen oder Mehrfamilienhäuser lassen sich Einfamilienhäuser kaum eindeutigen Baustilen zuweisen, da ihre Gestaltung oft pragmatischen Gesichtspunkten folgt.

Baustandards in der Schweiz: Von historischer Typologie zu ganzheitlicher Nachhaltigkeit
© Giles Laurent (CC BY-SA 4.0)

Von der Industrialisierung bis heute

Die Entstehung des Einfamilienhauses ist in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu suchen – mitten in der Industrialisierung. Während der Jahrhunderte davor lebten die meisten Menschen auf engstem Raum in einer Wohnung. Die schlechten Wohnbedingungen und hohe Luftverschmutzung führten dazu, dass Unternehmer die Wohnqualität förderten. Das eigene kleine Häuschen sollte das Fundament einer verlässlichen, bürgerlichen Existenz bilden.

Anfänglich prägten zwei Stile die Schweiz: das aus England übernommene Reiheneinfamilienhaus als typisches Arbeiterhäuschen und das Chalet als Urtypus des Schweizer Einfamilienhauses. Beiden gemeinsam war die standardisierte und dadurch günstige Bauweise sowie der Garten, welcher sowohl der Lebensqualität als auch der Selbstversorgung diente.

Bauphasen und technische Evolution

Das Baujahr lässt sich bei Schweizer Einfamilienhäusern eher anhand der verwendeten Materialien und technischer Merkmale erahnen als anhand architektonischer Stile. Die grossen Unterschiede liegen vorwiegend in der Bausubstanz und der Haustechnik.

Vor 1910: Erhalten geblieben sind vor allem Reihenhäuser, Chalets, Bauernhäuser und Villen mit sehr unterschiedlicher Materialisierung. Die Instandhaltung erfordert viel Spezialwissen und oft ist Denkmalschutz zu berücksichtigen.

1910 bis 1949: Hier dominiert Schlichtheit. Die Aussenwände sind meist aus einschaligem Backstein-Mauerwerk mit rauem Verputz und weisen eher schlechte Schallschutzwerte auf. Balkone sind selten, Satteldächer standard. Der Estrich ist kalt, und Naturkeller sind oft feucht.

1950 bis 1969: Zunehmend setzt sich Stahlbeton durch. Ab den 1950er-Jahren gewinnt das Flachdach zunehmend an Akzeptanz. Die Grundstruktur befindet sich oft in gutem Zustand, während Flachdächer aus dieser Zeit nicht selten konstruktive Mängel aufweisen.

1970 bis 1989: Die architektonische Vielfalt nimmt deutlich zu mit Sichtbeton, Faserzement-Platten und Sichtmauerwerk. Aufgrund der Ölpreiskrise wird Energieeffizienz erstmals Thema, doch Häuser aus dieser Zeit weisen oft zahlreiche Wärmebrücken auf.

1990 bis 2009: Einfamilienhäuser verfügen bereits über Wärmedämmung. Akuter Sanierungsbedarf besteht meist nicht, jedoch erreichen Heizung, Küche und Bad oft das Ende ihrer Lebensdauer.

Nachhaltigkeitsstandards und Energielabels

Angesichts der Herausforderungen durch Klimawandel und Ressourcenknappheit haben sich verschiedene Baustandards etabliert, die Qualität und Nachhaltigkeit von Gebäuden sicherstellen sollen.

Minergie: Der Schweizer Pionier

Seit 1998 steht die Marke Minergie für Gebäude mit tiefem Energieverbrauch und hohem Wohnkomfort. Über 32'000 Gebäude wurden in der Schweiz nach Minergie zertifiziert. Das Label entwickelte sich stets weiter und war Vorläufer für heutige Energievorschriften.

Die erweiterten Label Minergie-P und Minergie-A ergänzen das Basiszertifikat. Bei Minergie-P muss die Dämmung 30 Prozent besser sein als bei einem Neubau und eine Minergiekennzahl unter 50 kWh/m²a erreicht werden. Minergie-A entspricht dem Null- oder Plusenergiehaus mit einer Minergiekennzahl unter 35 kWh/m²a. Alle drei Standards können mit dem Zusatz ECO ergänzt werden, welcher Kriterien zu Tageslicht, Schallschutz, Innenraumklima und Baustoffen prüft.

Nach einer Studie der Zürcher Kantonalbank beträgt der Mehrwert eines Minergie-Einfamilienhauses rund 7 Prozent, bei Mehrfamilienhäusern 3,5 Prozent.

SNBS: Ganzheitliche Nachhaltigkeit

Der Standard Nachhaltiges Bauen Schweiz (SNBS) betrachtet Nachhaltigkeit in drei gleichwertigen Komponenten: Gesellschaft, Wirtschaft und Umwelt. Diese sind in 25 Unterthemen gegliedert. Die gesellschaftlichen Aspekte umfassen Kontext und Architektur, Planung und Zielgruppen, Nutzung und Raumgestaltung sowie Wohlbefinden und Gesundheit. Der Wirtschaftsbereich beinhaltet Kosten, Marktpotenzial und Regionalökonomie, während die Umweltaspekte Energie, Klima, Natur, Landschaft sowie Ressourcenschonung abdecken.

Der SNBS-Hochbau lässt sich auf Mehrfamilienhäuser, Verwaltungs-, Schul- und Bildungsbauten sowie Mischnutzungen anwenden und gilt sowohl für Neubauten als auch Erneuerungen. Seit September 2023 existiert auch das Produkt SNBS-Areal für die Entwicklung ganzer Quartiere. Die Zertifizierung wird durch die SGS durchgeführt und kostet für Wohngebäude bis 5'000 m² rund 15'500 Franken. Bei bestehender Minergie-Zertifizierung reduzieren sich die Kosten um bis zu 3'000 Franken. Weitere Informationen bietet das Netzwerk Nachhaltiges Bauen Schweiz.

Ein Beispiel für höchste Nachhaltigkeit ist das Verwaltungsgebäude Sinergia in Chur, welches mit dem Platin-Zertifikat des SNBS ausgezeichnet wurde und rund 440 Arbeitsplätze bietet.

Weitere Standards und deren Anwendung

Das SIA-Effizienzpfad Energie (SIA 2040) bildet die Basis für die Umsetzung der 2000-Watt-Gesellschaft im Gebäudebereich. Er zeichnet sich durch eine gesamtenergetische Betrachtung aus, die neben der Betriebsenergie auch die Graue Energie und die standortabhängige Mobilität einbezieht. Zielwerte werden für Treibhausgasemissionen festgelegt.

International etabliert sind zudem das DGNB-System der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen sowie BREEAM und LEED, die vorwiegend bei Grossprojekten mit internationalen Bauherrschaften zum Einsatz kommen.

Professionelle Netzwerke und Branchenorganisationen

Die Schweizer Bauwirtschaft ist durch eine Vielzahl von Fachverbänden und Organisationen geprägt, die Qualitätsstandards sicherstellen und den Wissensautausch fördern.

Der Schweizerische Ingenieur- und Architektenverein (SIA) ist mit über 16'000 Mitgliedern der massgebende Berufsverband für Fachleute der Bereiche Bau, Technik und Umwelt. Er erarbeitet das für die Schweizer Bauwirtschaft massgebende Normenwerk.

Der Bund Schweizer Architektinnen und Architekten (BSA) vereinigt über 980 Mitglieder, die sich mit der Gestaltung der Umwelt kritisch auseinandersetzen. Das Auswahlverfahren basiert auf persönlicher Berufung und steht unter dem Vorzeichen der Qualität des beruflichen Wirkens.

Weitere wichtige Akteure sind Holzbau Schweiz als Kompetenzzentrum für die Holzbaubranche, suissetec für Gebäudetechnik, der Schweizerische Baumeisterverband (SBV) als Dachverband der Bauwirtschaft mit rund 70 Mitgliedsverbänden, sowie buildingSMART International, die das offene Austauschformat IFC für den software-unabhängigen Informationsaustausch im Bauwesen definiert.

Architektonische Trends zwischen Modernismus und Tradition

Bei den seit 1980 errichteten Gebäuden dominiert der Modernismus mit kargen, monochromen Fassaden, scharfen Kanten und kastenähnlichen Fenstern. Diese Strömung, beeinflusst von der Bauhausschule und Le Corbusier, hat sich zu einem Standardprodukt entwickelt.

Diesem Trend steht die Bewegung des Architectural Uprising oder New Traditional Architecture gegenüber, die aus Skandinavien stammt. Sie fordert eine Rückkehr zu «schönem» Bauen mit klassischen Materialien wie Ziegelstein, Sandstein und Holz statt Sichtbeton, sowie eine Architektur, die mit dem Genius Loci verbunden ist. Beispiele wie Le Plessis-Robinson bei Paris oder Poundbury in England zeigen, dass solche Projekte sowohl ästhetisch ansprechend als auch sozial divers und ökonomisch tragfähig sein können.

Studien zeigen, dass Laien klassische Designs unabhängig von Einkommen, Ethnie oder Bildung gegenüber modernistischen Varianten bevorzugen. Der sogenannte «Design Disconnect» beschreibt dabei die Divergenz zwischen dem Schönheitsempfinden von Architektur-Experten und der breiten Bevölkerung.